BerthavonSuttner

Der Dithmarscher Pastor und Schriftsteller Gustav Frenssen (1863-1945), feierte im Kaiserreich als Vertreter der „Heimatkunst“ literarische Erfolge („Jörn Uhl“ (1901)) und zählte 1912 zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Schon früh sind in seinen Aufzeichnungen jedoch radikale Ideen der Eugenik und Euthanasie festzustellen, die er ab Mitte der 1920er Jahre öffentlich kundtat („Möwen und Mäuse“ (1927)). Im Nationalsozialismus als „Vorkämpfer“ gefeiert biederte sich Frenssen den Machthabern an, vergötterte Adolf Hitler und rechtfertigte Krieg und Massenmorde. Im März und April 2014 beschlossen die Städte Heide und Brunsbüttel die Umbenennung der nach Gustav Frenssen benannten Straßen. Dieser Blog dokumentiert und kommentiert Frenssens menschenverachtendes Gedankengut und die öffentliche Diskussion über seine Person.

(Bild rechts: Gustav Frenssen - Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-S42619 über wikipedia.de)

Dienstag, 25. Februar 2014

Leserbrief: Bertha von Suttner im Gedenkjahr 1914/2014

10-Euro-Gedenkmünze (Quelle: Wikimedia)
In der heutigen Ausgabe der DLZ taucht nun auch erstmals der Name einer Frau auf, die auch schon vor 30 Jahren als empfehlenswerte Namenspatin für Heider Straßen genannt wurde: Bertha von Suttner. Wie wir bereits am 4. Februar 2014 erklärten, wäre der Name der pazifistischen Aktivisten, Schriftstellerin und Friedensnobelpreisträgerin eine gute weibliche Alternative für die Gustav-Frenssen-Straße (siehe: http://pro-mann-strasse-heide.blogspot.de/2014/02/bertha-von-suttner-strae-1983.html ).

Jens Kartens aus St. Michaelisdonn findet das wohl ebenfalls, in seinem Leserbrief "Frauenname für Heider Straße" (DLZ vom 25.02.2014) schreibt er:
"Ausgerechnet mit dem Sprengstoff-Produzenten Alfred Nobel eng befreundet, initiierte sie darüber hinaus den Friedens-Nobelpreis und bekam diesen 1905 als erste Frau verliehen. Die von ihren Gegnern als "Friedens-Bertha" verhöhnte Schriftstellerin starb wenige Tage vor den Schüssen von Sarajevo in Wien. Den von ihr vorhergesagten großen Krieg - die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts - hat sie somit nicht mehr selbst erleben müssen. Diese Straßenumbenennung wäre zugleich ein Dithmarscher Beitrag zum Gedenkjahr 2014."
Das können wir nur bestätigen.

Montag, 24. Februar 2014

Bad Segeberg - Gustav-Frenssen-Weg wieder Thema

Nachdem in Heide die Diskussion um die Gustav-Frenssen-Straße, 30 Jahre nach einem ersten Umbenennungsversuch, wieder aufgekommen ist und die Weichen Richtung Austausch des Straßennamens gestellt werden, regt sich auch in anderen schleswig-holsteinischen Gemeinden wieder die Debatte.

In den Jahren nach 1983/84 waren - angestossen von den Dithmarscher Jungsozialisten - Initiativen in Hamburg (1984), Elmshorn (1986), Bad Bramstedt (199?), Schleswig (1991), Eckernförde (1996) und Bad Oldesloe (1999) und später, erfolgreich damit, dass die Ehrungen für den von völkisch-nationalsozialistischer Propaganda überschatteten Schriftsteller zurückgenommen wurden (Siehe dazu unsere Chronologie).

In Bad Segeberg gab es bis jetzt sogar drei Anläufe:
  • Im Mai und Juni 1986 gab es eine Debatte und einen Antrag auf Umbenennung, der allerdings abgelehnt wurde (siehe: Segeberger Zeitung vom 6.6.1985, S. 5)
  • Nur 12 Jahre später kam das Thema wieder auf:                                                                      Vom 18. Januar bis zum 27. März 1998 fand damals im Rathaus die Ausstellung "Jüdisches Segeberg" statt, in der die Geschichte der jüdischen Gemeinde, die hier seit 1730 existierte, präsentiert wurde, die während der Nazi-Zeit praktisch ausgelöscht wurde (Juden in Bad Segeberg. Nach dem einzigen Überlebenden, Jean Labowsky, der von 1946-1950 auch Leiter der Stadtverwaltung war, benannte die Stadt 2007 eine Straße).                                                     Auch diesmal blieb der Name Gustav Frenssen erhalten, v. a. weil sich die CDU sträubte.
  • Im Januar 2013 berichteten die Lübecker Nachrichten Online (http://www.ln-online.de/Nachrichten/Kultur/Kultur-im-Norden/Wenn-alte-Namen-neue-Zweifel-wecken vom 27.01.2013 (nur noch kostenpflichtig abrufbar)) wieder über Bad Segeberg:                        Walter Blender, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, die nach 1990 durch den Zuzug von Juden aus Osteuropa wiedererstanden ist und 2007 ihr neuerbautes Gemeindezentrum einweihen konnte, sagte zum Thema Frenssen: „Die nächste Generation wird uns fragen: Warum habt ihr nichts dagegen gesagt? Und das wollen wir als jüdische Gemeinde nicht auf uns sitzen lassen.“ Bürgervorsteherin Ingrid Altner (CDU) wollte das Thema damals erst nach den Kommunalwahlen (Mai 2013) angehen.
Inzwischen ist - wohl auch durch die bereits im Schleswig-Holstein-Magazin thematisierte Diskussion in Heide - ein dritter Anlauf im Gange. Anfang Februar fasste die SPD den Beschluss, sich für eine Umbenennung einzusetzen:

Während über Frenssen wohl nun schlußendlich Einigkeit herrscht, wird ein anderer Fall dagegen wohl kontrovers werden, denn die Genossen möchten auch Dr. Helmut Lemke (1907-1990) vom Straßenschild verbannen, und der ist kein weitgehend vergessener Schriftsteller, sondern ehem. Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein (CDU, 1963-1971), der in der NS-Zeit Bürgermeister von Eckernförde und Schleswig - und natürlich NSDAP-Mitglied - war.
Hier muss man wohl aber einsehen, dass jemand, dem schließlich der langjährige SSW-Landtagsabgeordenete und dänische Widerstandskämpfer Karl Otto Meyer bescheinigt, sich in seiner bis 1983 andauernden parlamentarischen Laufbahn "glaubhaft zum Demokraten gewandelt" zu haben, noch die Chance hatte sich politisch zu bewähren und zu rehabilitieren. 

Es bleibt also wohl viel Gesprächsstoff, wo man rote Linien ziehen sollte.
http://www.kn-online.de/Lokales/Segeberg/SPD-will-Strassennamen-aendern
Link zum Zeitungsbericht in der "Segeberger Zeitung" vom 03.02.2014




Sonntag, 23. Februar 2014

Heider Ratsversammlung empfiehlt Umbenennung

Die Heider Ratsversammlung hat auf ihrer Sitzung am Mittwoch (19.02.2014) fast einhellig dem zuständigen Bauausschuß empfohlen, eine Umbenennung der Heider "Gustav-Frenssen-Straße" vorzunehmen.
Lediglich Ratsherrin Renate Jensen (FDP) erntete Unverständnis für ihren Vorschlag, künftig generell keine Änderungen von Straßennamen mehr zuzulassen. Es müsse auch zukünftigen Generationen im Zuge neuer/alter Erkenntnisse erlaubt bleiben, falsche Entscheidungen zu korrigieren.

Die Entscheidung war erwartet worden, da sich im Laufe einer ausführlichen Berichterstattung in den lokalen Medien ("Dithmarscher Landeszeitung") Vertreter aller Fraktionen vom Ansinnen des Projektes, den Namen des Dithmarscher Schriftstellers und Propagandisten nationalsozistisch-völkischer Ideologie auszutauschen, überzeugt gezeigt hatten.

Nun wird der Bauausschuß der Stadt am 3. April aller Wahrscheinlichkeit nach einen endgültigen Beschluß fassen.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Heute: Sitzung der Heider Ratsversammlung zu Gustav Frenssen

Unter Punkt 9 der heutigen Sitzung der Heider Ratsversammlung, die um 18 Uhr im großen Saal des Bürgerhauses (Neue Anlage 5) zusammenkommt (19.02.) steht die "Aussprache über die Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße" (Vorlage: 2014/FD31 BVG/001) auf der Agenda.


Es wird eine öffentliche Aussprache der Ratsherren und der Ratsfraktionen geben, auf der man dem Bauausschuß eine Empfehlung zur Entscheidung geben will. Ob dabei auch schon offizielle Namensvorschläge gemacht werden ist nicht bekannt. Einen Beschluß zur Umbenennung fällt der Bauausschuß voraussichtlich auf seiner Sitzung am dritten März (Siehe: Sitzungskalender der Stadt Heide)

Durch die geringe Resonanz der betroffenen Anwohner, die einem per Post zugestellten Aufruf zu einer Anwohnerversammlung, die am 10. Februar stattfand, nur in geringer Zahl gefolgt waren, sind die politisch Verantwortlichen in ihrer Entscheidung frei, eine verantwortliche Lösung zu treffen.

Der immer wieder - auch in Leserbriefen - zu hörende Forderung nach einer Befragung oder gar einem Entscheid der Anwohner, wie sie auch der Landtagsabgeordnete der Piraten, Patrick Breyer gefordert hatte, ist somit ausreichend erfüllt worden, denn es zeigt sich an diesem Beispiel, dass nicht alles zur basisdemokratischen Entscheidung taugt - erstens inhaltlich, zweitens praktisch. Bei einer anonymen und kostenlosen Umfrage mit per Post zugestellten Rückantwortpostkarten - gleich einer Briefwahl - waren nur 18 der an die Haushalte verschickten Karten zurückgesandt worden (ca. 12%).

Donnerstag, 13. Februar 2014

Anwohnerversammlung - kaum Resonanz, kaum Widerstand

Wie die "Dithmarscher Landeszeitung" in ihrer gestrigen Ausgabe (12.02.2014) berichtet, sind am Montag (10.02.) nur eine Handvoll der ca. 350 Einwohner der Heider Gustav-Frenssen-Straße der Einladung der Stadt Heide zu einer Befragung gefolgt (abgebildet wurde eine Gruppe zumeist älterer Damen und Herren mit vielen leeren Stühlen).

Wie die anschließende Diskussion ergab, würde es von ihrer Seite keinen Widerstand gegen eine Umbenennung geben, wenn auch in der Beantwortung der Frage, ob wirklich ein neuer Name notwendig sei, kein Konsens herrschte.

Am 3. März wird nun der Heider Bauausschuß über die Umbenennung entscheiden. Laut Bürgermeister Stecher, werden sich die Kosten der Umbenennung für die Stadt Heide im Bereich von "höchsten 1000 Euro" bewegen - unter Einbeziehung anderer Verwaltungsausgaben (Planung von Sitzungen etc.) läge man aber bereits über diesem Betrag.

Anwesend war auch Pastorin Luise Jarck-Albers von der Heider "Auferstehungsgemeinde", in deren Räumlichkeiten bereits am 14. Januar ein "Politisches Abendgebet" abgehalten worden war, auf dem über Frenssens nationalsozialistische Publikationen informiert und für eine Umbenennung der Straße gebetet worden war.
- Wir freuen uns, dass unsere Seite dabei als Quelle für zahlreiche Frenssen-Zitate dienen konnte.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Erörterung des Gymnasiums Heide-Ost (2013) online

Die von einer Abiturklasse des Gymnasiums Heide-Ost im Rahmen eines Projektes verfasste Erörterung zum Politikum Gustav Frenssen ist jetzt hier online zu finden:

http://www.gymnasium-heide-ost.de/CMS/index.php?option=com_content&task=view&id=1293&Itemid=334

Als Betreiber dieses Blogs, der sich bemüht, über Gustav Frenssen und seine politischen Anschauungen ausführlich, v. a. mit wörtlichen Zitaten aus seinen Büchern zu informieren, möchte ich ein paar Dinge anmerken, da der veröffentlichte Text der Schüler leider teils ergänzungs- und korrekturbedürftig ist. Dazu folgendes (weitergehenden Informationen sind als Hyperlinks angegeben):
  1. Als Sekundärliteratur wurde die Dissertation von Dr. Andreas Crystall benutzt. Schade ist, dass die als Primärquellen angegebenen Schriften Gustav Frenssens daher weniger gründlich gelesen worden zu sein scheinen, da viele durchaus bemerkenswerte Belegstellen in den Schriften nicht genannt werden (siehe unten). Hieraus erklärt sich auch, weshalb so sehr auf das „Antichristliche“ bei Frenssen, seine Kritik an der Kirche etc. angehoben wird, da das Verhältnis zur Kirche Thema der Arbeit des Propstes war.
  2. Gravierend ist in diesem Zusammengang dann, dass an keiner Stelle auf jene Aussagen Frenssens verwiesen wird, die schärfste Kritik verdienten: Seine Forderung eines Massenmordes an Geistig- und körperlich Behinderten, „Diebe[n], Arbeitsunwillige[n], Herumstreicher[n], Volksfeinden[n] aus krankem Willen oder um Geld“ („Lebenskunde“ (1942), S. 53). So bereitet es Unbehagen, wenn es in der Erörterung zum Inhalt der „Lebenskunde“ heißt, es ginge um „Diskriminierungen gegen Behinderte und Menschen, die ins Kloster eintreten.“ Das Wort „Euthanasie“ fällt in „Absatz 2“, in dem es gerade um die dafür relevanten Schriften geht, nicht ein einziges Mal.
  3. Leider werden die besprochenen Inhalte der Frenssen-Bücher zudem chronologisch nicht korrekt eingeordnet, sondern ein Durcheinander hinsichtlich der Entwicklung seiner politischen Ansichten verursacht: So werden in „Absatz 1“ (Seite 3 und 4) die Bücher „Möwen und Mäuse“ (veröffentlicht 1927, nicht 1928) und der „Lebensbericht“ (1940) gemeinsam besprochen, obwohl der Inhalt von „Möwen und Mäuse“ (Frenssens Notizen der Jahre 1906 bis 1920) z.T. mehr als drei Jahrzehnte vor der Endredaktion des „Lebensberichtes“ liegen, ohne das dies deutlich gemacht wird.
    Gleiches gilt in „Absatz 2“ (Seite 5 und 6) für „Vorland“, bzw. das darin enthaltene „Tagebuch von 2023“. „Vorland“ erschien als dritter Band der „Grübeleien“ zwar erst 1937, enthält aber die Notizen der Jahre 1920 bis 1935. Das „Tagebuch von 2023“ darin stammt schon aus dem Jahr 1923. Es ist also gerade kein Zeugnis für Frenssens nach 1933 eingetretene „drastische Wandlung“, sondern für sein weit vor 1933 vorgebildetes Weltbild und seine Forderung nach der Tötung „Wertloser“, bzw. Einweisung zu lebenslangem Zwangslager.
  4. In „Absatz 3“ (Seite 7 und 8) finden sich zudem folgende Aussagen: 
    Gustav Frenssen beschäftigte sich vor 1933 nicht mit der Judenbekämpfung, auch in seinen frühen Werken sind keinerlei antisemitische Äußerungen zu finden. Er hatte sogar jüdische Freunde. Die Anschauung des NS-Regimes war dem Schriftsteller nicht im vollen Ausmaße bewusst. Daher ist es falsch, ihn als Nationalsozialisten zu denunzieren.
    Diese Aussagen sind teils falsch, bzw. ihre Wertung unverständlich: Wie er in seinem „Lebensbericht“ (1940) zu Protokoll gibt, sei er „von 1923 an […] langsam“ ein Antisemit geworden (S. 277) und dies gerade, obwohl die Juden, die er persönlich kannte „gute und hilfreiche Menschen“ gewesen seien (ebd.). 
    Frühe Äußerungen aus den Jahren 1906-1920 in „Möwen und Mäuse“ (1927), S. 58-59, und 223; und „Vorland“ (1937), S. 155, zeigen seine Ablehnung von Juden und Judentum als „widerdeutscher“, „fremder“ „Rasse“. 
     Frenssen hat die Kernziele des Nationalsozialismus („Ausmerzung“ des jüdischen „Einflusses“ in Deutschland („Der Weg unseres Volkes“ (1938), S. 232f., „Lebensbericht“ (1940), S. 275-276); „Recht oder Unrecht“ (1940), S. 8-10), Schaffung einer „gesunden, germanischen Volksgemeinschaft“ durch Euthanasie, Eugenik und Rassegesetze („Lebenskunde“ (1942), S. 52-53, 91), durch Krieg zu erzielende Lebensraumpolitik („Recht oder Unrecht“ (1940), S. 11-13; „Lebenskunde“ (1942), S. 92-93), Diktatur und Führerprinzip („Recht oder Unrecht“, S. 52-55; „Lebenskunde“ (1942), S. 99-100)) in seinen Schriften gebilligt und propagiert. Wenn ihm dann der Nationalsozialismus nicht „im vollen Ausmaße“ bewusst gewesen sein soll, wem dann?

Dienstag, 4. Februar 2014

Eine weibliche Alternative: Bertha-von-Suttner-Straße (1983)

Quelle: Sitzungsprotokoll der Sitzung des Kultur- und Bildungsausschußes der Stadt Heide vom 28. September 1983. 
Im Zusammenhang mit der Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße, wurde 1983 auch die Bitte der Frauengruppe Heide SPD festgehalten, den Namen der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843-1914) künftig zu berücksichtigen. Bis heute gibt es in Heide keine nach der engagierten Friedensaktivistin und Schriftstellerin ("Die Waffen nieder!") benannte Straße.
Wenn bei der geplanten Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße im Heider "Dichterviertel", also auf eine weibliche Schriftstellerin zurückgegriffen werden sollte, so käme der Name der bekannten Autorin, die ihrer Zeit voraus war, die Schrecken eines europäisches Krieges voraussah und eine Woche vor dem Beginn des 1. Weltkrieges - der sich in diesem Jahr zum 100. mal jährt - starb, sicherlich in Betracht.

Die Gleichstellungsstelle der Stadt Heide hatte in der jüngsten Debatte darauf hingewiesen, dass es in Heide nur wenige nach Frauen benannte Straßen gebe:
Siehe dazu: 
http://pro-mann-strasse-heide.blogspot.de/2014/02/heider-bauausschuss-setzt-zeitplan-zur.html

7 Straße sind in Heide - neben der Louisenstraße und dem Sophienweg -  nach Frauen benannt:

Dorothea Erxleben-Straße (1715-1762), Ärztin und Pionierin des Frauenstudiums
Sophie Dettleffs-Straße (1809-1864), plattdeutsche Dichterin
Postelweg (nach Wilhelmine Sophie Elsebea Postel (1844-1933))
Anna-Prall-Weg (1846-1924), Mitgründerin des „Vaterländischen Frauenvereins“ und fast 48 Jahre lang dessen Vorsitzende (siehe hier: http://www.frauenwerk.nordkirche.de/docs/inno_13.pdf, Seite 25)
Marie-Curie-Weg (1867-1934), Physikerin
Agnes Miegel-Straße (1879-1964), ostpreußische Dichterin
Erna Weißenborn-Ring (1898-1973), Romanschriftstellerin und Dramatikerin

Heider Bauausschuss setzt Zeitplan zur Umbenennung fest (Bericht eines Anwesenden)

 Auf seiner gestrigen öffentlichen Sitzung (3. Februar 2014, 18 Uhr) hat der Bauausschuss der Stadt Heide den Fahrplan für das weitere Vorgehen im Fall der Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße in Heide beschloßen. Unter den Augen von ca. 15 Zuschauern, darunter auch der ehem. Vorsitzende der "Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und Umgebung" Berndt Steincke, leitete Bauausschußvorsitzender Manfred Will (SPD) die Sitzung. Das Verfahren zur Umbenennung werde mit den folgenden Schritten weitergeführt:

Für Montag, 10. Februar 2014, 18 Uhr sollen die betroffenen Anwohner der Straße in den Sitzungssaal des Heider Rathauses geladen werden, um zum Vorgang befragt zu werden. [Stand: 06.02.2014. In einer früheren Version des Beitrags hieß es, die Einwohner würden am 12. Februar 2014 in die Auferstehungskirche in der Timm-Kröger-Straße geladen.]

In der folgenden Sitzung der Ratsversammlung am Mittwoch, 19. Februar 2014 werde diese über das Thema debattieren und dem Bauausschuss eine Beschlußempfehlung geben werde.

Der Bauausschuss wird dann auf seiner für den 3. März vorgesehenen Sitzung über die Umbenennung abschließend entscheiden, und im April einen neuen Namen finden.

In der Diskussion kamen verschiedene Einzelaspekte zu Wort. Bürgermeister Ulf Stecher (CDU) informierte darüber, dass derzeit andere Dithmarscher Gemeinden, in denen es Frenssen-Straßen und -Wegen gebe, Informationsmaterial bei ihm angefragt hätten, um ihrerseits Umbenennungsverfahren anzustreben (u.a. Marne). 
Bürgermeister Stecher erklärte, während der Zeit der öffentlichen Diskussion bislang nicht eine einzige Eingabe von einem Anwohner erhalten zu haben und daher mit einer niedrigen Ressonanz der Einwohnerversammlung rechne.
Ausschußmitglied Egon Ott (FDP) gab zu bedenken, die finanziellen Aspekte der Umbenennung nicht außer acht zu lassen, von denen die Anwohner betroffen würden. Hierzu wurde erklärt, dass die Änderung von offiziellen Dokumenten (Personalausweis etc.) grundsätzlich kostenfrei wäre. Für Werbematerialien, Papiere mit Briefköpfen etc. gelte dies nicht.
Vorsitzender Will erwähnte auch noch eine Eingabe der Gleichstellungsstelle der Stadt Heide, die angemerkt hatte, dass die Stadt nur wenigen nach Frauen benannte Straßen besitze und daher eine Umbenennung nach einer Frau geboten sei. Es gäbe auch schon eine bestimmte Namensidee, darüber werde jetzt aber noch nicht gesprochen, so Will.

Siehe auch hier: http://zeitungen.boyens-medien.de/aktuelle-nachrichten/zeitung/artikel/schritt-fuer-schritt-zur-umbenennung.html

Information:

In Heide sind folgende Straßen nach Frauen benannt:

Dorothea Erxleben-Straße (1715-1762), Ärztin und Pionierin des Frauenstudiums
Sophie Dettleffs-Straße (1809-1864), plattdeutsche Dichterin
Postelweg (nach Wilhelmine Sophie Elsebea Postel (1844-1933))
Anna-Prall-Weg (1846-1924), Mitgründerin des „Vaterländischen Frauenvereins“ und fast 48 Jahre lang dessen Vorsitzende (siehe hier: http://www.frauenwerk.nordkirche.de/docs/inno_13.pdf, Seite 25)
Marie-Curie-Weg (1867-1934), Physikerin
Agnes Miegel-Straße (1879-1964), ostpreußische Dichterin
Erna Weißenborn-Ring (1898-1973), Romanschriftstellerin und Dramatikerin

Hinzukommen noch die Louisenstraße (nach Königin Luise von Preußen?) und ein abgelegener Feldweg (Sophienweg), die weibliche Namen tragen.

Da Agnes Miegel eine enge Beziehung zum Nationalsozialismus pflegte (ab 1940 auch NSDAP Mitglied), von dem sie sich auch nach 1945 nicht distanzierte, wurden in den letzten Jahren zunehmend Straßenumbenennungen vorgenommen.

Thomas Mann - Ein Dokumentarbericht über Leben und Werk (1955)



Anläßlich des 80. Geburtstags Thomas Manns entstandene Dokumentation (Ausstrahlung bei 3sat vom 8. August 2005, 23:10 Uhr, zum 50. Todestag). 

Drehbuch: Peter Dreessen und Heinz Huber
Regie: Heinz Huber


„... die breiteste Bauerndeern“ - Frenssens Eugenik in „Möwen und Mäuse“ (1927)

Im zweiten Band seiner „Grübeleien“, der Notizen der Jahre 1906 bis 1920, finden sich zahlreiche Äußerungen Frenssens (Siehe unten [A-G]) noch aus der Zeit des Kaiserreiches, die seine biologistischen Vorstellungen verdeutlichen. Sie machen deutlich, warum Frenssen sich ab Ende der 1920er Jahre und nach 1933 so deutlich zur nationalsozialistischen Ideologie bekannte und entsprechende Propagandaliteratur beisteuerte.
Frenssen gedachte schon im Kaiserreich daran, dass in die Rechtsprechung eine Art „Asozialen“-Paragraph eingeführt werden sollte, um Menschen zu verurteilen, die wegen ihrer „kranken Natur“ das zerstören würden, was die Gesunden aufbauten [A]. Er mochte die Behandlung dieser Menschen durch den Staat aber nicht als „Strafe“ oder „Verurteilung“ bezeichnen, da diese Menschen „wie tollwütige Hunde“ und aus „krankhaftem Trieb“ handelten [B]. Als Maßnahmen sah er „kastrieren“/„entmannen“ [B, D] und lebenslange „Schutzhaft“ [B, G] vor.
Die letzten Konsequenzen des Grundgedankens folgten nur wenig später: Schon zu Beginn der Weimarer Republik – im Jahre 1923 - , kann er diese in seinem als Zukunftsvision geschriebenem „Tagebuch von 2023“ an den Tag legen. Darin forderte er, dass „Asoziale“ zum „Tode“ oder zu „lebenslanger Zwangsarbeit“ im Lager verurteilt würden, wo wenn sie stürben, einige „Wertlose“ weniger wären („Vorland“(1937), S. 67). Im Nationalsozialismus schließlich propagierte er das Realität gewordene mit größtmöglicher Radikalität und Offenheit: „Unheilbar Krankes, sich selbst und der Gesamtheit nur Last und Not, soll ausgelöscht werden“ („Lebenskunde“ (1940), S. 91).
Das Gegenstück dazu ist es, wenn er einem „blassen und schmalen Dr. X.“ rät, das „breiteste“ Bauernmädchen zu heiraten um lebenstüchtige Nachkommenschaft zu zeugen [C], oder wünscht, Goethe hätte mehr Kinder gezeugt [D]. Das klingt heute amüsant bis harmlos, es ist aber die andere Seite der eugenischen Idee. Es gehört zu seiner scharfen Kritik der Kirche und der bürgerlichen Moral, dass sie eheliche Verbindungen nicht nach den „uralten, neugefundenen, biologischen“ Gesetzen schließen, sondern „jeden Schmutz“ segnen würde [E]. Kurz nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg wünscht er sich, dass „eine überragende, geniale, internationale Erscheinung wie Jesus, Leibnitz oder Goethe“ auftreten möge, die den Ideen der „Biologie“ und „Eugenik“ - gewissermaßen als Prophet - zum Durchbruch verhelfen möge [F].

Auszüge:

[A]
„Es gibt viele Menschen, auf deren Lebensweg nichts als Trümmer liegen. […] Frauen weniger. Eine weiß ich, die alles versaut hätte; sie stammte aus einem zerstörenden Geschlecht; aber sie bekam von ihrem tüchtigen Mann Prügel und mußte neben ihm aufbaun, dreißig Jahre lang, Stein ordentlich auf Stein setzend. Eine Sklavin. Ein Fünftel der Menschen sind Sklaven, viele, leider, in Freiheit. Sie sind asozial, ja antisozial, ja ruinös, genau in derselben Weise wie Gewohnheitsverbrecher. Und sind auch in ihrem Wesen nichts anderes, nämlich, wie jene, einer kranken Natur unterworfen, nur daß die Justiz diese Art Verbrecher nicht in ihre Zettelkästen und Paragraphen aufgenommen hat.“
(S. 43)

[B]
„Von den Insassen der Zuchthäuser in Deutschland sind ein Zehntel mit Recht da […] Ein zweites Zehntel ist zu Unrecht da; [../..] Die übrigen acht Zehntel sind auch zu Unrecht da. Es sind Kranke, Dekadente, die mit ihren Taten subjektiv richtig gehandelt haben, ich meine, ihrer Natur gemäß. Die „Zucht“, das Strafen, das Ziehen und Zerren an ihnen, ist Unzucht, Unrecht, zwecklos. Sie sind, wie sie sind, von Natur. Sie sind nicht schlecht, sind unheilbar krank, verkrüppelt. Sie sind ebensowenig schlecht, wie tollwütige Hunde. Sie sind durch ihre Krankheit schädlich; sie beißen, nicht aus Schlechtigkeit, sondern aus Krankheit, aus innerem, krankhaftem Trieb. Die gehören nicht in Strafhäuser, sondern in Krankenhäuser, Schutzhäuser. Wenn man festgestellt hat, daß ein Mensch eine asoziale oder antisoziale Krankheit hat, so muß er zuerst kastriert und dann in Schutzhaft genommen werden, und zwar zeitlebens.“
(S. 52-53)

[C]
„Meine Vorfahren waren um 1720 noch Bauern, die väterlichen in der Marsch, die mütterlichen im Geestdorf. Um die Zeit verloren sie, wohl durch sich vererbende und sich steigernde Neigung zum geistig Seltsamen, die sie auch seltsame Weiber wählen ließ, - meine Mutter war auch eine seltsame -, die sichere Selbstverständlichkeit des bäuerlichen Menschen; sie standen nicht mehr im Leben, sondern betrachtend daneben. So verloren sie ihr Land. Ich habe dem blassen und schmalen Dr. X heute geraten, die breiteste Bauerndeern zu heiraten, die er finden könnte. Wenn es auch Lärm und Scherben gibt, so gibt es doch ein Geschlecht, das dem Leben wieder gewachsen ist. Das Leben ist hart“
(S. 247)

[D]
„Ein kluger Mann erzählte mir, daß er in Thüringen reisend, im Zuge einen jungen Mann gesehn, der in seiner / ganzen Erscheinung Goethe ähnlich gewesen, und meinte, daß da wohl mehr als einer von Goethes Blut in Thüringen und da herum lebte. Ich denke, daß es in der Tat so ist, und sage: „Schade, daß es nicht mehr sind. Es wird eine Zeit kommen, wo man im Namen der Religion und Sittlichkeit die mit schlechtem Erbe Behafteten entmannen, und von einem Mann wie Goethe viele Kinder fordern wird.““ (S. 248)

[E]
„Die Kirche brüstet sich und prahlt: „Ich schütze die Ehe!“ Und sie traut und segnet; und segnet alles, jeden Schmutz. Denn was ist es anderes als Schmutz, wenn Geld zu Geld oder / Armut zu Geld läuft, oder gesund zu krank, oder krank zu gesund? Sie fragt nicht: was bringt diese Menschen zusammen? und fragt nicht: wird das Zusammenleben dieser beiden sittlich gut, auch nicht, ob sie ein gesundes Geschlecht zeugen werden. Die Kirche weiß nicht, daß Gott und Natur, Gott und Lebensgesetze, Gott und gesund an Leib und Seele, zueinander gehören. Sie muß immer wieder lernen: die Gebote Gottes sind nicht die alten, die zehn, sondern die viel, viel älteren, die uralten, die neugefundenen, die biologischen (S. 250-251)

[F]
„Die ganzen Bestrebungen, die sich mit Biologie, Eugenik, innerer und äußerer Gesundung der Menschheit sammeln, sind reif für eine überragende, geniale, internationale Erscheinung wie Jesus, Leibnitz oder Goethe. Die Idee von dem rechten Menschen? Viele, die gegen das Ästhetische schreiben, wollen dafür das Moralische setzen. Das ist nicht richtig. Man muß das Biologische dagegensetzen. Dann könnte man recht haben.“ (S. 273)

[G]
„Wie kann man vor einem geistig Abnormen von „Strafe“ reden, an Strafe denken, auf Strafe urteilen, ihn „verurteilen“? Nun sind aber vier fünftel aller Verbrecher nichts als geborne Abnormitäten. Alle Mörder sind es, alle Gewohnheitsverbrecher und Gewohnheitsdiebe, alle sexuell Perverse, alle die auf hysterischer Grundlage Ungesellschaftliches tun. Man soll alle diese, je nach dem Grad der Gefährdung, die sie für das Volksganze haben, in Schutzhaft halten. Aber keine Gerichte, keine Schande, keine Strafe für sie. Geistige Abnormitäten bestrafen ist ebenso unmenschlich, als wenn man körperlich Kranke als solche bestraft: Tuberkulose, Syphiliter usw.“ (S. 290)